POGO-GARN AM POTOMAC
oder
OPA ERZÄHLT VOM WIDERSTAND
[Toster & Hell's AI.ngels]
Erst einmal: Es ist ziemlich cool, dass sich das Goethe-Institut in Washington auch dem ostdeutschen Punk widmet und nicht nur der westeuropäischen oder westdeutschen Szene.
Punk in East Germany: Too Much Future
Feeling B bekam bei der Einstufung im Kulturhaus Berlin-Karlshorst auf Anhieb die Sonderstufe, also die höchste Einstufung überhaupt. Das bedeutete vor allem: Die Band durfte entsprechend hohe Honorare verlangen.
Für uns junge Musiker war aber etwas anderes entscheidend. Wenn diese Typen mit ihrem Polka-Punk, den wahnsinnig schnellen Pogo-Melodien und diesem völlig durchgeknallten Auftreten eine Einstufung bekommen und dann auch noch die höchste, dachte man sich irgendwann: Dann kann ich das vielleicht auch.
Ich habe das jedenfalls so gedacht. Zwei Jahre später hatte auch meine Band eine staatliche Spielerlaubnis. Wir bekamen zunächst die Mittelstufe. Das war finanziell deutlich weniger interessant, aber wir durften damit ebenfalls offiziell auftreten.
Natürlich gab es Kontrollen. Die Einstufungskommission wollte grundsätzlich die Texte sehen. Das hatte teilweise ganz banale Gründe: Bei der damaligen Bühnentechnik waren die Texte live oft kaum zu verstehen.
Es wurde aber auch politisch diskutiert. Bei der Einstufung der Punkband Die Skeptiker 1986 in Friedrichshain wollten zwei eher dogmatisch eingestellte Mitglieder der Jury die Band zunächst nicht zulassen. Die beiden anderen Mitglieder, liberaler eingestellte staatliche Kulturfunktionäre, setzten sich schließlich durch und erteilten die Zulassung.
Auch das war DDR.
Es gab nicht die eine Realität. Es gab staatliche Kontrolle, aber innerhalb dieses Staates gab es Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen davon, wie weit man gehen konnte. Und es gab erstaunliche Spielräume.
Wer sich über das tatsächliche Verhältnis von Staat und Rockmusik in der DDR informieren will, sollte sich mit Padraig Parkhurst in Melbourne, Australien, in Verbindung setzen. Er hat seine Doktorarbeit über das Verhältnis von Staat und Rockmusik in der DDR geschrieben und arbeitet derzeit daran, sie als Buch zu veröffentlichen.
https://youtu.be/Edu2awQAYg0
Während Punkbands Anfang der 80er-Jahre häufig noch in Kirchenkellern und auf Dachböden spielten und dadurch die Aufmerksamkeit der staatlichen Organe auf sich zogen, war spätestens ab Mitte der 80er-Jahre in Ostberlin das Eis weitgehend gebrochen.
Es gab zahlreiche Bands, die Punkmusik spielten oder für ein Punkpublikum spielten. Unsere war eine davon.
Auch in Leipzig, Cottbus, Dresden, Erfurt und anderen Städten gab es Punkbands, die eine staatliche Spielerlaubnis bekamen.
Die Geschichte des DDR-Punks ist deshalb nicht nur eine Geschichte von Verboten, Verfolgung und Kirchenkellern. Es gab Repression. Es gab aber auch offizielle Bühnen, Einstufungen und staatliche Kulturfunktionäre, die sich dafür einsetzten, dass Bands spielen durften.
Beides existierte gleichzeitig.
Es gab allerdings Musiker aus den frühen Jahren des DDR-Punks, die, einmal ins Visier der Staatssicherheit geraten, tatsächlich massive Repressionen erlebten. Das sollte man weder relativieren noch vergessen.
Etwas anders stellt sich die Sache beim Thema „Horchposten“ dar.
Es war zumindest in Berlin weder geheim noch besonders gefährlich, Westradio oder Westfernsehen zu konsumieren. Im Gegenteil: Der Empfang war hier besonders gut.
Auf dem Wohnblock, in dem ich lebte, waren bereits 1975 hochempfindliche Gemeinschaftsantennen installiert und Buchsen in jedes Wohnzimmer gelegt worden. Damit konnte man sämtliche Sender empfangen, deren Signal in Berlin stark genug war.
Auf UKW hatten wir nicht nur die westberliner deutschsprachigen Sender, sondern auch AFN und BFBS. Für Punk- und New-Wave-Fans war BFBS besonders interessant. Dort lief donnerstags um 21 Uhr John Peel’s Music.
Natürlich wurden diese Sendungen aufgezeichnet. Kassetten mit den Aufnahmen kursierten unter Musikfans. Einige DDR-Bands schickten John Peel sogar ihre eigenen Tapes. Gelegentlich spielte er solche Aufnahmen in seiner Sendung.
Für Berliner war das vergleichsweise einfach. In anderen Teilen der DDR sah die Sache anders aus.
Im Südosten der Republik, etwa in Bautzen, Zittau, Weißwasser oder Dresden, war der Empfang westlicher Sender teilweise deutlich schwieriger. BFBS, das in Berlin und Teilen des Umlands gut zu empfangen war, half dort wenig.
Dafür gab es ab 1986 Lutz Schramm mit seiner Sendung Parocktikum bei DT64.
Schramm spielte dort Tapes von DDR-Bands, darunter auch Musik von Bands, die keine staatliche Spielerlaubnis hatten. Für viele junge Musiker und Hörer war Parocktikum deshalb eine Möglichkeit, Musik aus der eigenen Szene überhaupt zu hören und bekannt zu machen.
Für manche war Lutz Schramm damit so etwas wie der John Peel des Ostens.
Und auch das verändert das Bild vom DDR-Punk erheblich.
Die Musik verschwand nicht einfach in irgendwelchen Kellern. Sie wurde auf Kassetten verbreitet, im Radio gespielt, von Musikern selbst an John Peel geschickt und schließlich auch von Lutz Schramm bei DT64 ausgestrahlt.
Es gab Kirchenkeller und Freilichtbühnen. Es gab illegale Konzerte und offiziell genehmigte Auftritte. Es gab Stasi-Repression und Kulturfunktionäre, die Bands zur Spielerlaubnis verhalfen.
Es gab Westsender und DDR-Radio. Es gab John Peel und Lutz Schramm.
Es gab alles nebeneinander.
Ich verstehe das Bedürfnis von Veteranen dieser Szene, ihre eigene Vergangenheit als besonders abenteuerlich, gefährlich und aufregend darzustellen. In der Rückschau macht sich das schließlich besser als der Jugendliche, der mit dem Kassettenrekorder vor dem Radio sitzt und darauf wartet, dass John Peel oder Lutz Schramm einen neuen Song spielt.
Nur war die Realität wesentlich komplizierter als die heute gern erzählte Geschichte vom permanent verfolgten Punk-Underground.
Wer sich wirklich für die Details interessiert und dabei vor allem die Stimmen von Zeitzeugen und Musikern hören möchte, kann sich unseren Podcast "andertalk" auf Spotify und YouTube anhören.
https://www.youtube.com/@Band.die.anderen
Ich möchte trotzdem ein paar Kleinigkeiten ergänzen, weil manche Dinge im Artikel von Linus Volkmann etwas unscharf dargestellt werden.
Es gab durchaus Punkbands in der DDR, die eine staatliche Spielerlaubnis besaßen und damit legal auf großen Bühnen auftreten konnten, sogar auf Freilichtbühnen. Das war spätestens ab 1983 möglich.
Für die Szene war die Einstufung von Feeling B 1983 ein ziemlicher Knaller. Ich kann das nicht nur aus der Rückschau erzählen. Ich war damals selbst in ihrem Umfeld und habe die Entwicklung unmittelbar miterlebt.
Es gab durchaus Punkbands in der DDR, die eine staatliche Spielerlaubnis besaßen und damit legal auf großen Bühnen auftreten konnten, sogar auf Freilichtbühnen. Das war spätestens ab 1983 möglich.
Für die Szene war die Einstufung von Feeling B 1983 ein ziemlicher Knaller. Ich kann das nicht nur aus der Rückschau erzählen. Ich war damals selbst in ihrem Umfeld und habe die Entwicklung unmittelbar miterlebt.
Feeling B bekam bei der Einstufung im Kulturhaus Berlin-Karlshorst auf Anhieb die Sonderstufe, also die höchste Einstufung überhaupt. Das bedeutete vor allem: Die Band durfte entsprechend hohe Honorare verlangen.
Für uns junge Musiker war aber etwas anderes entscheidend. Wenn diese Typen mit ihrem Polka-Punk, den wahnsinnig schnellen Pogo-Melodien und diesem völlig durchgeknallten Auftreten eine Einstufung bekommen und dann auch noch die höchste, dachte man sich irgendwann: Dann kann ich das vielleicht auch.
Ich habe das jedenfalls so gedacht. Zwei Jahre später hatte auch meine Band eine staatliche Spielerlaubnis. Wir bekamen zunächst die Mittelstufe. Das war finanziell deutlich weniger interessant, aber wir durften damit ebenfalls offiziell auftreten.
Natürlich gab es Kontrollen. Die Einstufungskommission wollte grundsätzlich die Texte sehen. Das hatte teilweise ganz banale Gründe: Bei der damaligen Bühnentechnik waren die Texte live oft kaum zu verstehen.
Es wurde aber auch politisch diskutiert. Bei der Einstufung der Punkband Die Skeptiker 1986 in Friedrichshain wollten zwei eher dogmatisch eingestellte Mitglieder der Jury die Band zunächst nicht zulassen. Die beiden anderen Mitglieder, liberaler eingestellte staatliche Kulturfunktionäre, setzten sich schließlich durch und erteilten die Zulassung.
Auch das war DDR.
Es gab nicht die eine Realität. Es gab staatliche Kontrolle, aber innerhalb dieses Staates gab es Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen davon, wie weit man gehen konnte. Und es gab erstaunliche Spielräume.
Wer sich über das tatsächliche Verhältnis von Staat und Rockmusik in der DDR informieren will, sollte sich mit Padraig Parkhurst in Melbourne, Australien, in Verbindung setzen. Er hat seine Doktorarbeit über das Verhältnis von Staat und Rockmusik in der DDR geschrieben und arbeitet derzeit daran, sie als Buch zu veröffentlichen.
https://youtu.be/Edu2awQAYg0
Während Punkbands Anfang der 80er-Jahre häufig noch in Kirchenkellern und auf Dachböden spielten und dadurch die Aufmerksamkeit der staatlichen Organe auf sich zogen, war spätestens ab Mitte der 80er-Jahre in Ostberlin das Eis weitgehend gebrochen.
Es gab zahlreiche Bands, die Punkmusik spielten oder für ein Punkpublikum spielten. Unsere war eine davon.
Auch in Leipzig, Cottbus, Dresden, Erfurt und anderen Städten gab es Punkbands, die eine staatliche Spielerlaubnis bekamen.
Die Geschichte des DDR-Punks ist deshalb nicht nur eine Geschichte von Verboten, Verfolgung und Kirchenkellern. Es gab Repression. Es gab aber auch offizielle Bühnen, Einstufungen und staatliche Kulturfunktionäre, die sich dafür einsetzten, dass Bands spielen durften.
Beides existierte gleichzeitig.
Es gab allerdings Musiker aus den frühen Jahren des DDR-Punks, die, einmal ins Visier der Staatssicherheit geraten, tatsächlich massive Repressionen erlebten. Das sollte man weder relativieren noch vergessen.
Etwas anders stellt sich die Sache beim Thema „Horchposten“ dar.
Es war zumindest in Berlin weder geheim noch besonders gefährlich, Westradio oder Westfernsehen zu konsumieren. Im Gegenteil: Der Empfang war hier besonders gut.
Auf dem Wohnblock, in dem ich lebte, waren bereits 1975 hochempfindliche Gemeinschaftsantennen installiert und Buchsen in jedes Wohnzimmer gelegt worden. Damit konnte man sämtliche Sender empfangen, deren Signal in Berlin stark genug war.
Auf UKW hatten wir nicht nur die westberliner deutschsprachigen Sender, sondern auch AFN und BFBS. Für Punk- und New-Wave-Fans war BFBS besonders interessant. Dort lief donnerstags um 21 Uhr John Peel’s Music.
Natürlich wurden diese Sendungen aufgezeichnet. Kassetten mit den Aufnahmen kursierten unter Musikfans. Einige DDR-Bands schickten John Peel sogar ihre eigenen Tapes. Gelegentlich spielte er solche Aufnahmen in seiner Sendung.
Für Berliner war das vergleichsweise einfach. In anderen Teilen der DDR sah die Sache anders aus.
Im Südosten der Republik, etwa in Bautzen, Zittau, Weißwasser oder Dresden, war der Empfang westlicher Sender teilweise deutlich schwieriger. BFBS, das in Berlin und Teilen des Umlands gut zu empfangen war, half dort wenig.
Dafür gab es ab 1986 Lutz Schramm mit seiner Sendung Parocktikum bei DT64.
Schramm spielte dort Tapes von DDR-Bands, darunter auch Musik von Bands, die keine staatliche Spielerlaubnis hatten. Für viele junge Musiker und Hörer war Parocktikum deshalb eine Möglichkeit, Musik aus der eigenen Szene überhaupt zu hören und bekannt zu machen.
Für manche war Lutz Schramm damit so etwas wie der John Peel des Ostens.
Und auch das verändert das Bild vom DDR-Punk erheblich.
Die Musik verschwand nicht einfach in irgendwelchen Kellern. Sie wurde auf Kassetten verbreitet, im Radio gespielt, von Musikern selbst an John Peel geschickt und schließlich auch von Lutz Schramm bei DT64 ausgestrahlt.
Es gab Kirchenkeller und Freilichtbühnen. Es gab illegale Konzerte und offiziell genehmigte Auftritte. Es gab Stasi-Repression und Kulturfunktionäre, die Bands zur Spielerlaubnis verhalfen.
Es gab Westsender und DDR-Radio. Es gab John Peel und Lutz Schramm.
Es gab alles nebeneinander.
Ich verstehe das Bedürfnis von Veteranen dieser Szene, ihre eigene Vergangenheit als besonders abenteuerlich, gefährlich und aufregend darzustellen. In der Rückschau macht sich das schließlich besser als der Jugendliche, der mit dem Kassettenrekorder vor dem Radio sitzt und darauf wartet, dass John Peel oder Lutz Schramm einen neuen Song spielt.
Nur war die Realität wesentlich komplizierter als die heute gern erzählte Geschichte vom permanent verfolgten Punk-Underground.
Wer sich wirklich für die Details interessiert und dabei vor allem die Stimmen von Zeitzeugen und Musikern hören möchte, kann sich unseren Podcast "andertalk" auf Spotify und YouTube anhören.
https://www.youtube.com/@Band.die.anderen
