Wie der Punk über mich kam

Es war spät, die Großeltern längst im Bett, und ich hatte das seltene Privileg, allein vor dem Fernseher zu sitzen. Fläming, Ende der siebziger Jahre, ich dreizehn oder vierzehn. Zu Hause wäre das so nicht gegangen. Westfernsehen gab es dort nur unter Aufsicht und mit ideologischer Begleitmusik. Wer die Tagesschau sehen wollte, musste sich vorher durch die Aktuelle Kamera quälen.

Hier nicht.

Hier stand dieses alte Schwarz-Weiß-Gerät, ein halbes Kraftwerk aus Röhre, UHF-Konverter und Spannungsstabilisator. Wenn man Glück hatte, bekam man fünf Programme rein. Und „umschalten“ hieß: aufstehen.

Ich saß also da, knabberte irgendwas Salziges und drehte mich durch die Kanäle, bis ich auf N3 hängen blieb. Und dann passierte etwas, das sich nicht langsam ankündigte, sondern einfach da war.

Auf der Bühne: Typen in zerrissenen Klamotten, Haare wie nach einem Stromschlag, Bewegungen irgendwo zwischen Tanz und Kontrollverlust. Die spielten ihre Lieder zu schnell, zu roh, zu egal. Sprangen rum, verzogen die Gesichter, als wollten sie dem Publikum ins Gesicht greifen. Und das Publikum griff zurück. Rempelte, sprang, prallte aufeinander. Lederjacken, Nieten, schwere Stiefel. Das sah nicht nach Spaß aus. Das sah nach Risiko aus.

Und mittendrin Frauen.

Ich saß da und verstand nichts.

Ich kannte Musik. Beatles, Kinks, Cream, Small Face. Das ganze Sechziger-Zeug. Auch das, was gerade auf Schlager der Woche bei Rias Berlin lief: Bowie, Zeppelin, Kraftwerk. Aber das hier war anders. Das klang vertraut und fremd zugleich. Wie die Kinks, nur aufgedreht, entkernt, ohne Netz und doppelten Boden.

Dann brüllte der Sänger irgendwas ins Publikum. Aggressiv, rotzig, unverständlich. Mein Schulenglisch reichte nicht mal ansatzweise. Oi, you cunts. Stand nicht im Wörterbuch.

Nach ein paar Minuten war die Show vorbei. Ich hatte nur einen Rest erwischt, irgendeinen Zipfel aus einer Doku über die englische Szene.

Und dann saß ich da.

Kein YouTube, kein Videorekorder, kein Freundeskreis, der wusste, was das war. Du konntest nur hoffen, dass irgendwann im Radio einer den Faden wieder aufnahm. Und selbst dann wusstest du nicht mal, wie die Bands geschrieben werden.

Irgendwann tauchten Namen auf.

Sex Pistols. Allein der Name schon eine Ohrfeige. Dann Johnny Rotten. Eine Stimme, die klang, als hätte jemand Salzsäure gegurgelt.

Es zog sich. Jahre fast. Aber das Ding war in der Welt. Es kamen andere Bands dazu, The Clash zum Beispiel, etwas vielseitiger, fast intellektuell. Später dann alles, was man heute unter New Wave einsortiert.

Parallel dazu lief das Leben im Osten in alten Bahnen. Meine Freunde hörten Blues. Also hörte ich auch Blues. Das war die Musik unserer Szene, weil die Musik live gespielt wurde. Auf Bühnen, an denen man sich traf. Ohne Verabredung per Telefon, Messenger. Einfach hinfahren, hoffen, Leute treffen.

Also wurde ich Blueser. Tramptouren, Dorfkneipen, durchgesoffene Nächte. Das volle Programm.

Und dann sah ich sie, die ersten Punks am Alexanderplatz.

Die lösten allerdings nicht die gleiche Begeisterung bei mir aus wie die Punks aus der Fernsehsendung. Viele auf dem Alex waren eher ruppige Typen. Beeindruckend, aber nicht symphatisch. 

Ich erinnere mich an einen von ihnen. Stachelpunk, blond, wird von der Polizei kontrolliert. Die wollen wissen, wofür seine Schlüssel sind. Er zählt auf: Haustür. Wohnung. Briefkasten. Dann klappt er seinen Flaschenöffner aus und sagt: „Und der hier – zum Bier aufmachen.“

Das reichte. Der Bulle ging hoch wie eine V1.

Und die Stachelbirne grinste. Das war vielleicht kein politisches Manifest. Aber es war 'ne Ansage.

Später im Berliner Kulturpark sah man sie öfter. Die Punks standen für sich, ein eigener Haufen, mit dieser Attitüde: Wir gegen den Rest. Nicht unbedingt Proleten. Manche waren sogar Bonzenkinder. Wird heute gerne vergessen.

Wenn dort eine der legalen Bands mit Einstufung mal schneller spielte, ging es los. Pogo. Drei Minuten Ausnahmezustand. Da war nichts mit Verachtung gegenüber dem Establishment. Im Gegenteil – genau auf diese Momente warteten sie. 

Dieses Bild vom Punk als geschlossenem politischen Widerstand stimmt nicht, dass ist teilweise Vergangenheitsbewirtschaftung: Meine Opferakte ist dicker als deine. Es gab diese Leute, klar. Und wer einmal im Fokus von MfS oder VoPo stand, hatte es schwer. Aber daneben existierte eine andere Kategorie. Die Kreativen. Die Musik machten, Siebdrucke bastelten, Texte schrieben. Nicht die Prügelknaben.

Zumal viele der harten Pogo-Fraktion irgendwann weiterzogen. Richtung Skinheads. Das Outfit ist praktischer im Kampf und furchteinflößender auf der Straße.

Mein Zugang zum Punk lief deshalb auch nicht über diese Figuren.

Sondern über die Musik. Über dieses Unfertige, Direkte, Rohe. Über etwas, das sich nicht übersetzen ließ. Und vielleicht auch über das Britische daran, das kaum mit dem eigenen Umfeld zu tun hatte. Dachten wir.

Wenn man, wie ich, ohnehin mit dem Sound der Sechziger sozialisiert war, dann war das kein stilistischer Bruch. Eher eine Rückkehr zum Ursprung. Oder einfacher gesagt: Das waren die Kinks. Aber auf Steroiden. Das gefiel mir, das war machbar. Meine nächste Band sollte so klingen. 

Nur ein bisschen anders.

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