FREITAGNACHMITTAG IN BERLIN
FREITAGNACHMITTAG IN BERLIN
Geschichte einer verhinderten Eskalation
Logbuch 29. August: Unfreiwillige Inspektion der kontaminierten Zone des Prenzlauer Bergs südlich der Mason-Dixon line (Schivelbeiner-, Wichert- Grellstraße), im Jahr 35 nach der trizonesischen Okkupation; nachmittags, Nieselregen.
Ich verlasse das Frühstückscafé im Epizentrum der Hipsterfertiltät genervt, weil die Wirtin seit Tagen Raggamuffin-Gelaber aus einer klirrenden Alexa-Dose abspielt. Es war nach meiner zweiten Mahnung. Dass sich die dämliche Brut der S-Bahngeburten außerstande sieht, die Klotür hinter sich zu schließen, hatte ich bereits mit wiederholtem Türenschlagen quittiert.
Der “Blaumilch-Kanal” kurz vor der Sektorengrenze zum Wedding ist noch geschlossen, das angrenzende Eckcafé liegt in der Auspuffwolke der Wochenend-Flüchtlinge aus Mitte (wahrscheinlich winken vegane Weinbergschnecken im Landhaus in der Uckermark).
Also weiter Richtung Schönfließer Brücke, ein schmaler Gang über den Bahngraben, der seit 1877 den Prenzlauer Berg teilt. An seinem Fuße liegt “Unser Café”. Ich betrete den Gastraum hinter einer träge schlendernden Bedienerin und werfe einen Blick auf die Preistafel über dem Tresen. Ein stinknormaler Kaffee, hier “Americano” genannt, kostet 4,80 Euro. Also zehn Mark West für eine Tasse heißes Wasser. Ich tippe an meine Stirn und sage: ”Ihr habt doch wohl ‘ne Macke.” Beim Rausgehen höre ich die Tresengöre empört schnaufen und die Beisitzer kichern.
Erfreulicherweise kommt mir auf der schmalen Brücke kein Stressradler auf seinem nachhaltig geklebten Fixie entgegen. Das könnte leicht zum »Prenzlberger Brückensturz« führen, den Historiker später als Beginn der ostdeutschen Befreiungskriege datieren würden.
Auf der anderen Seite liegt die “Kohlenquelle”, die drölfzigtausend westdeutschen Student*innen schon als zweites Wohnzimmer diente. Ein solches Exemplar richtet sich hinter der Bar auf und blickt mir erwartungsvoll entgegen. Ob es eine Preistafel oder Karte gäbe, frage ich die minnigliche Magd. Nein, spricht sie, und hebt an, die Preise aufzuzählen. Nochmals bitte ich um eine Karte zum Selbststudium, was die Bedienung verneint. “Nun”, versetze ich, “wenn Sie keine Karte haben, habe ich kein Geld.”
Ich verlasse die “Kohlenquelle” mit aufgeheizter Mündungstemperatur und erwäge kurzzeitig die Anschaffung eines beliebten israelischen Schnellfeuergewehrs. Weil das keine altersgerechte Einstellung ist, endet der Kladderadatsch wohl nur in einigen wütenden Google-, Yelp- und TripAdvisor-Rezensionen.
Eigentlich hatte ich mir als ungeimpfter Mehrdenker geschworen, nach Corona keine deutsche Kneipe mehr zu besuchen. Während der Seuchendiktatur gaben mir “Kanaken” und “Fidschis” Obdach, während mich meine Landsleute ohne Ablasszettel im Winter vor die Tür jagten. Seitdem bin ich höchstens Landschaftspatriot.
Ich erinnere mich an ein gutes türkisches Frühstückscafé in der Gleimstraße und strebe, Verwünschungen murmelnd, gen Osten. Hundert Meter vor Istanbul fällt mein Blick auf “Pattaya”. Ein winziger Imbiss, dessen Name Erinnerungen an vergangene Freuden weckt. Natürlich besteht die Belegschaft aus Vietnamesen und nicht aus Thais, aber sie repräsentieren das »Land of Smiles« so würdig wie deren biodeutschen Kolleg*innen das hiesige »Kummerland« (Expat-Jargon).
Hier stehen nicht nur moderate Preise an der Tafel, es sind auch die Gerichte abgebildet. Innen ist es heiß wie in einer Garküche in der Soi Buakhao, draußen bietet sich dem künftigen Republikflüchtling die gewohnte Tristesse aus breitspurigen Werbefuzzis und verkniffenen Patriarchatsbekämpfer*innen.
Nach der Vorspeise lassen sich zwei ältere Damen in befremdlichen Gewändern neben mir nieder, die schleppend über ihre Uteri und Scheinschwangerschaften sprechen. Wie die Alten sungen: Davor rettet uns kein höh’res Wesen, das können wir tatsächlich nur selber tun. Fürs Erste hilft ein ohrumschließender AKG K240 und Alter Bridge aus jenem Telefon, mit dem ich seit sechs Monaten mein Leben organisiere – und diesen Text schreibe.
Es muss erst schlimmer werden, bevor es besser wird.