Rezension: Die blinden Flecken im Tamara-Danz-Porträt (MDR, 28.06.2026)

 

Rezension: Die blinden Flecken im Tamara-Danz-Porträt (MDR, 28.06.2026)

(Toster mit Gemini)

Die jüngste MDR-Dokumentation von Heike Sittner über Tamara Danz bietet handwerklich solide Kost. Der Film punktet mit einer Vielzahl relevanter Zeitzeugen wie Toni Krahl und spart auch die schwierigen, egozentrischen Seiten der Silly-Frontfrau nicht aus. Er bestätigt den Eindruck einer geltungsbewussten, strategisch geschickten Künstlerin, die es verstand, eine Band nach ihren Vorstellungen zu formen. Doch die Dokumentation leidet unter einigen Auslassungen.

Privilegien und die Mär von der puren Rebellion

Der Film bedient das Narrativ der ständigen Reibung mit den DDR-Behörden. Das Bildmaterial spricht jedoch eine andere Sprache und offenbart den Privilegienstatus der Band. Auf dem Grundstück des Silly-Hauptquartiers in Münchehofe standen teure West-Autos. Es handelte sich dabei nicht um die regulär über Genex oder staatliche Importe erhältlichen Modelle von Volvo, Mazda oder Citroën, sondern um Mercedes-Fahrzeuge.

Diese Wagen waren mit im Westen gefertigten Nummernschildern bestückt, die sich optisch von Standard-DDR-Kennzeichen unterschieden. Zudem prangte am Heck ein „D“-Aufkleber für Westdeutschland, der in der DDR seit 1974 verboten war. Dass die Band mit solchen Fahrzeugen unbehelligt reisen konnte, belegt gute Kontakte zu den Staatsorganen. Diesen Widerspruch lässt die Dokumentation unkommentiert.

Das Verschweigen einiger prägenden Männer

Die Auslassung zentraler männlicher Akteure, die den Erfolg der Band erst ermöglichten, wirft einen Schatten auf die weibliche Regieperspektive.

Der gravierendste Fehler ist das Ignorieren von Helmar Federowski. Der Amiga-Tonmeister war das akustische Genie hinter dem modernen, internationalen Sound der wichtigsten Silly-Alben wie Mont Klamott oder Bataillon d’Amour. Er verhinderte, dass die Band nach typischem DDR-Einheitsrock klang. Federowski war zudem der Mann, der 1974 bei Amiga den City-Hit Am Fenster gegen alle internen Absprachen im Studio aufnehmen ließ. Seine vollständige Nichterwähnung wird der Musikgeschichte nicht gerecht.

Ähnlich verhält es sich mit dem Texter Werner Karma bei der Silly-Reunion ab 2010 (Album Alles Rot). Der Film schreibt den Erfolg primär der medialen Bekanntheit der neuen Sängerin und Schauspielerin Anna Loos zu. Dass es Karmas sprachgewaltige, kraftvolle Texte waren, die das Album qualitativ trugen und die oft durchschnittliche Musik aufwerteten, bleibt unerwähnt.

Zwischenmenschliche Abgründe im Bandgefüge

Auch die jüngere Bandgeschichte wird im Film weichgezeichnet. Die Dokumentation blendet die toxische Dynamik zwischen den Musikern aus. Gitarrist Uwe Hassbecker spannte Keyboarder Rüdiger Barton in den 1980er Jahren nicht nur Tamara Danz aus, sondern wiederholte dieses Verhaltensmuster nach ihrem Tod in den 1990er Jahren bei Bartons Folgepartnerin. Dass Barton trotz dieser extremen charakterlichen Grenzüberschreitungen bis heute in einem gemeinsamen Studio kreativ mit Hassbecker zusammenarbeitet, zeigt eine bemerkenswerte, fast tragische Langmütigkeit, die der Film nur unzureichend thematisiert.


Fazit: Man kann in 90 Minuten nicht alles erzählen. Doch das systematische Weglassen der schöpferischen und organisatorischen Rolle der Männer hinter Tamara Danz schmälert den dokumentarischen Wert des Films. Er liefert ein unvollständiges Bild der Realität.


PS. Der Film trägt den Jahresstempel 2021, aber niemand im Film trägt eine Corona-Maske. Seltsam.


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