DDR-Bahnhof Friedrichstraße – Stargate für Devisenbesitzer
Bahnhof Friedrichstraße – Stargate für Devisenbesitzer
Berlin, Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik, war ein Ort dunkler Mythen und Geheimnisse. Berlin, Hauptstadt der BRD, ist nicht einmal mehr eine Stadt der Deutschen.
Wenn es einen Ort gab, an dem sich der Wahnsinn
des Kalten Krieges wie unter einem Brennglas bündelte, dann war das
der Bahnhof Friedrichstraße.
Er war nicht nur ein Bahnhof. Er
war eine Schleuse zwischen zwei Welten, ein Stargate für
Devisenbesitzer. Wer mit den richtigen Papieren hineinging, landete
wenige Minuten später in einer anderen Dimension. Dieselbe Stadt,
gleiche Sprache, vertraute Straßennamen. Doch harte Währung statt
Aluchips, volle Musikläden, bunte Magazine, verwirrende Geräusche,
orientalische Gerüche. Nicht nur politisch, sondern auch haptisch
und olfaktorisch eine andere Welt – nur einen Pistolenschuss
entfernt.
Der Witz war, dass der Grenzbahnhof gar nicht an der Grenze lag. Er befand sich hunderte Meter entfernt im Stadtbezirk Mitte. Trotzdem begann hier für eine geheime Elite (und tausende Rentner) die Reise in ein Paralleluniversum. Gegen die Aufregung half der zollfreie Schnaps, den die Zonen-Kommunisten im Bahnsteigkiosk den kostenbewussten Westreisenden verkauften.
Unter der Friedrichstraße kreuzten sich zwei unterirdische und eine oberirdische Westberliner Nahverkehrslinie. Die Fahrt mit der BVG war für DDR-Bürger kostenlos. Dazu kamen die Fernzüge Richtung Westen. Bloß wusste das irgendwann kaum noch einer von uns jungen Ossis. Um 1980 herum verschwanden die Westberliner Strecken aus den Ostberliner Linienplänen. Als hätte einer den westlichen Teil unserer Stadt einfach aus der Karte gelöscht. Berlin sollte nicht nur geteilt werden. Westberlin sollte vergessen werden.
Dabei lebte dieses geheime Berlin weiter. Unter unseren Füßen, in Ostberlin. In Tunneln, Betriebsgängen und Verbindungen, über die kaum noch einer sprach. Die Kanalisation funktionierte grenzübergreifend. Der Waisentunnel zwischen U 8 und Linie A existierte weiter. Über ihn gelang sogar einem Ostberliner BVB-Mitarbeiter die Flucht in den Westen.
Für fast alle jungen DDR-Bürger blieb der Bahnhof Friedrichstraße ein Ort, dessen größeren Teil sie niemals betreten durften. Wer ohne Erlaubnis rüber wollte, riskierte Gefängnis oder eine Kugel. Gleichzeitig war diese zweittödlichste Grenze der Welt (nach der koreanischen) für eine kleine Schicht erstaunlich durchlässig: Diplomaten, ausgewählte Journalisten, Funktionäre, Wissenschaftler, devisenbringende Musiker – Leute mit den richtigen Papieren.
Das größte Privileg, das die DDR zu vergeben hatte, war weder ein Importwagen noch Forumschecks oder ein Wassergrundstück in Berlin-Grünau. Es war die Erlaubnis, das Paradies der Werktätigen für ein paar Stunden verlassen zu dürfen.
Im Herbst 1989 gehörten wir, die Musiker von die anderen, für ein paar Wochen selbst zu diesem erlauchten Zirkel. Zusammen mit unseren Kollegen von Feeling B und Tina Has Never Had a Teddy Bear durften wir mit Dienstreisevisum nach Westberlin fahren – sogar über die Diplomatenspur im Bahnhof Friedrichstraße. Ohne Kontrollen, ohne Schikanen. Ich zeichne den Pfad zur Kellerbahn durch den Tränenpalast in die Freiheit hier grün ein.
An einem beliebigen Abend konnte ich im Oktober 1989 sagen: „Ich geh’ noch auf ein Bier nach Schöneberg.“ Meine Freunde befürchteten, denselben Satz vielleicht niemals sagen zu können. Ich habe diese Freiheit genossen. Aber manchmal habe ich mich für mein Privileg geschämt. Das war wirklich ein Vorrecht – anders als dieser bolschewoke BuXXshit von heute, dass du alt, weiß und männlich bist. Das ist in einer gynozentrischen Opfergesellschaft eher ein Stigma.
Wenn im Metropol oder im Tempodrom eine beliebte internationale Band spielte, begegnete man dort erstaunlich vielen bekannten Gesichtern aus Ostberlin. Leuten, von denen man vorher nur ahnte, dass sie Reisekader sein könnten. Man nickte sich zu und dachte nur: Ach … du auch? Die Liste der Privilegierten hing nirgendwo aus. Man sah sie leibhaftig im Foyer eines Westberliner Konzertsaals.
Unser Lied „(Freitagabend in) Berlin“ erzählt von dieser Welt. Von unterirdischen Kommandoaktionen. Denn da war noch die mörderische Seite. Friedrichstraße war nicht bloß eine Schleuse. Hier wurde 1974 der polnische Staatsbürger Czesław Kukuczka in einer Kommandoaktion erschossen, weil er glaubte, die Freiheit läge nur noch ein paar Schritte entfernt. Auch deshalb haftet diesem Ort bis heute etwas Gewalttätiges an. Aber das gilt mittlerweile für die meisten deutschen Bahnhöfe.
Der Mythos Friedrichstraße lebt weiter. Sogar das
Kino („Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“) hat ihn entdeckt.
Zu Recht. Denn dieser Bahnhof war nie bloß ein Bahnhof.
Er war
die Pforte in eine andere Welt. Hindurchgehen durften nur wenige. Und
vielleicht erzählt das mehr über die DDR als giftige
Geschichtsbücher von Inge Krawalltschick.
Zeitenwende: Knapp vierzig Jahre nach der Maueröffnung sieht die Magistrale meines Stadtteils zu Stoßzeiten aus wie der Flughafen von Doha (Luftkreuz in Katar): Aus jedem mesopotamischen Dorf ein Ziegenhirte und seine vier Weiber. Das Zuzugsverbot in die Hauptstadt der DDR wich der Zuzugsschwemme von fremdartigen Gestalten, deren Laute die vertrauten Gemäuer durchdringen.
Berlin, Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik, war ein Ort voller dunkler Mythen und Geheimnisse. Berlin, Hauptstadt der BRD, ist nicht einmal mehr eine Stadt der Deutschen.
Nachsatz: Es gab gute politische Gründe für die DDR, 1961 die Mauer in Berlin zu bauen, und nicht wenige davon wurden seit 1948 vom Westen verursacht. Es ist deshalb wohlfeil und billig, wenn westdeutsche Politiker das große Wort schwingen und sich als Apostel der Freiheit aufspielen ※
PS. (1.8.26)
Zwischen 1949 und 1961 verließen etwa 2,6 Millionen Menschen die DDR Richtung Westen. Überproportional betroffen waren junge, gut ausgebildete Fachkräfte, Ärzte, Ingenieure, Facharbeiter. Diese Abwanderung bedrohte die wirtschaftliche Substanz des Landes ernsthaft. Seit 1952 war die innerdeutsche Grenze bereits massiv befestigt. Berlin blieb als letztes offenes Schlupfloch übrig, weil die Stadt formal unter Vier-Mächte-Status stand. Im Sommer 1961 beschleunigte sich der Exodus dramatisch. Kurz vor dem Mauerbau flohen täglich mehrere tausend Bürger. Aus Sicht der SED-Führung war das eine existenzielle Krise, keine Marginalie.
Auch die geopolitische Dimension war nicht erfunden. Chruschtschow drängte seit 1958 mit Ultimaten auf eine Lösung des Berlin-Status. Er drohte mit einem separaten Friedensvertrag zwischen Moskau und der DDR. Der Status West-Berlins als demokratische Enklave mitten im Ostblock war für den Kreml ein Dauerärgernis. Tatsächlich war West-Berlin auch eine Drehscheibe westlicher Geheimdienste. Hinzu kam Währungsspekulation durch das enorme Kursgefälle zwischen Ost- und Westmark. Kennedy selbst soll später sinngemäß gesagt haben, eine Mauer sei einer Kriegseskalation vorzuziehen. Insofern lässt sich der Mauerbau auch als Stabilisierung einer eskalationsträchtigen Lage lesen.
Ging es primär um Spionageabwehr oder militärische Bedrohung, hätte verschärfte Grenzkontrolle genügt. Eine Anlage, die auf die eigene Bevölkerung zielt, wäre dafür nicht nötig gewesen. Die gesamte Konstruktion, Todesstreifen, später Selbstschussanlagen, der Schießbefehl, war nach innen gerichtet. Sie sollte Ausreise verhindern.
Es gab reale strukturelle Zwänge, die die Führung unter Druck setzten. Sie erklären das Handeln, rechtfertigen aber nicht die gewählte Methode. Andere Staaten mit Emigrationsproblemen reagieren mit Reformen, nicht mit Schießbefehlen. Die Erklärung der Motive ist also keine moralische Rechtfertigung. Es war beides zugleich: eine Reaktion auf reale Zwänge und ein diktatorischer Akt.