Danger Dan & Igor Levit: Gesungenes Indymedia-Pamphlet
Gesungenes Indymedia-Pamphlet
Das ZDF hat Danger Dan und Igor Levit ausgeladen, angeblich wegen eines musikalischen Gewaltaufrufs. Journalisten-Gewerkschaften erklären nun, allein die Redaktion entscheide über den Inhalt, die Einmischung der Geschäftsleistung sei unzulässig. Wer aber je in einem öffentlich-rechtlichen Sender gearbeitet hat, weiß, wie groß die Lücke zwischen diesem Ideal und der Praxis sein kann.
Kurz vor der Aufzeichnung der 100. Ausgabe von Die Anstalt strich das ZDF den gemeinsamen Auftritt von Danger Dan und Igor Levit. Offiziell, weil der neue Song Keine Angst als Aufruf zu Gewalt verstanden werden könne. Der Sender blieb dabei erstaunlich vage. Keine Zeile, kein Zitat, keine öffentliche Begründung, nur der Verweis auf eine intensive redaktionelle Bewertung unter Einbindung der Geschäftsleitung. Das genügte, um Danger Dan und Igor Levit ein griffiges Opfernarrativ zu liefern: Zensur, Eingriff in die Kunstfreiheit, Kotau vor der AfD.
Das Lied ist musikalisch trivial, der Text liest sich wie ein gesungener Artikel der linksextremen Bekenner-Website Indymedia. Ab der dritten Strophe beschreibt er ein konkretes Vorgehen: Wohnort und Arbeitsplatz von Zielpersonen recherchieren, Fake-Accounts anlegen, heimlich Treffen fotografieren, Papiermüll einsammeln, sich bei Singlebörsen anmelden, um an die betreffende Person heranzukommen. Dazu Hinweise wie Handschuhe tragen, keine Fotos machen und das Handy wegen möglicher Bewegungsprofile zu Hause lassen. Spätestens hier verlässt der Text die Ebene bloßer Provokation und nähert sich einer Handlungsanleitung an. Wer § 238 StGB kennt, erkennt unschwer typische Elemente der Nachstellung: wiederholte Annäherung, Einbeziehung des sozialen Umfelds und gezielte Kontaktaufnahme.
Die Outing-Aktion in der dritten Strophe geht noch weiter. Flyer mit Namen, Adressen und Fotos im Wohnviertel, dazu Anrufe bei Arbeitgebern und Lokalzeitungen. Ziel ist es, das gesamte soziale Umfeld gegen eine Person aufzubringen. Die beschriebenen Methoden entsprechen in wesentlichen Teilen dem, was heute als Doxing bezeichnet wird. Solche Kampagnen können den Boden für reale Übergriffe bereiten. Die letzte Strophe endet schließlich mit einem Gruß an Lina, Gucci, Maja und Nanuk, Namen, die sich auf verurteilte oder angeklagte Angehörige der sogenannten Hammerbande sowie auf Maja T. beziehen. Der Song endet damit nicht bei zivilem Ungehorsam, sondern mit einer Solidaritätsbekundung gegenüber Personen, denen politisch motivierte Gewalttaten vorgeworfen wurden oder die deswegen verurteilt wurden.
Damit unterscheidet sich Keine Angst von Danger Dans Hit Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt. Der ältere Song lebte von Überzeichnung und Provokation. Der neue beschreibt über weite Strecken konkrete Vorgehensweisen. Diesen Unterschied hätte das ZDF benennen müssen, statt sich hinter der pauschalen Formel eines möglichen Gewaltaufrufs zu verstecken. So drehte sich die öffentliche Debatte fast ausschließlich um Zensur und Meinungsfreiheit. Die eigentlichen Fragen, Doxing, Stalking-Methoden und die Solidarisierung mit politisch motivierten Gewalttätern gerieten dagegen in den Hintergrund.
Parallel dazu positionierten sich der DJV und die dju in ver.di mit einer steilen These. DJV-Vorsitzender Mika Beuster erklärte, ob ein Lied gesendet werde, entscheide allein die Redaktion. Alles andere sei ein schwerwiegender Eingriff in die redaktionelle Freiheit. Das klingt überzeugend. Mit meiner Berufserfahrung deckt es sich allerdings nicht.
Ich habe 25 Jahre für einen öffentlich-rechtlichen Sender gearbeitet, viele davon als Musikredakteur. Einflussnahmen waren dort kein Ausnahmefall. Sie gehörten zum Alltag, nur fast nie in schriftlicher Form.
Als junger Reporter wollte ich einen CDU-Fraktionschef im Berliner Abgeordnetenhaus auf seine Mitgliedschaft in einer Studentenverbindung ansprechen. Er griff zum Telefon und rief den Fernsehdirektor an, einen Parteifreund. Wenig später erreichte mich über mehrere Ecken die Botschaft, ich solle vorsichtig sein. Es gab keine Weisung und kein Protokoll. Der Anruf genügte.
Jahre später wollte ich für popXport einen Beitrag über Bands produzieren, die ohne nennenswerte mediale Unterstützung erfolgreich geworden waren. Auf meiner Liste standen unter anderem die Böhsen Onkelz. Mein Abteilungsleiter reagierte nahezu panisch, obwohl die Band längst wieder in großen Fernsehsendungen auftrat und prominente Künstler die alten Nazi-Vorwürfe öffentlich zurückgewiesen hatten. Die Onkelz wurden gestrichen und durch Pur ersetzt. Journalistisch konnte ich diese Entscheidung nicht nachvollziehen. Die Geschichte der Onkelz, vom gesellschaftlich geächteten Randphänomen zu einer der erfolgreichsten Rockbands Deutschlands, war für mich die deutlich spannendere Reportage. Den Beitrag musste ich trotzdem ohne sie fertigstellen.
Ein drittes Erlebnis betraf Nina Hagen. Für popXport hatten wir bereits eine exklusive Homestory gedreht. Der Dreh war bereits abgeschlossen. Während meiner Abwesenheit erklärte die Chefredakteurin auf einer Hauskonferenz dennoch, Nina Hagen sei zu alt für die Sendung. Wenige Monate später saß Nina Hagen als Jurorin bei Popstars, einer Sendung mit einem deutlich jüngeren Publikum. Dieselbe Chefredakteurin bestand schon zehn Jahre vorher informell darauf, dass in unserer Jugendsendung unabhängig vom Thema etwa die Hälfte aller Protagonisten Frauen sein sollten. Sie war Mitglied des Lobbyvereins Pro Quote. Schriftliche Vorgaben existierten dazu nicht. Dennoch wurde diese Linie dauerhaft durchgesetzt.
Diese Beispiele stehen für ein Muster. Einflussnahme erfolgt selten durch eine Anweisung, die sich später vorlegen lässt. Sie geschieht über Hierarchien, Telefonate, informelle Erwartungen und vorauseilenden Gehorsam. Gerade freie programmgestaltende Mitarbeiter wissen, wie viele Ebenen zwischen einer Idee und ihrer Ausstrahlung liegen. Wer behauptet, Programmentscheidungen würden im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausschließlich von Redaktionen getroffen, beschreibt aus meiner Sicht ein Idealbild, nicht die Wirklichkeit, die ich über 25 Jahre erlebt habe. Umso mehr erstaunt mich, dass ausgerechnet Journalistengewerkschaften diese informellen Mechanismen vollständig ausblenden.
Der Fall Danger Dan unterscheidet sich in einem Punkt von meinen Erfahrungen. Das ZDF hat den Eingriff der Geschäftsleitung nicht geleugnet, sondern offen eingeräumt. Das ist transparenter als vieles, was ich selbst erlebt habe. Gerade deshalb hätte der Sender seine inhaltliche Begründung offenlegen müssen.
Bemerkenswert ist schließlich noch etwas anderes. In der gesamten Debatte fehlt bislang ausgerechnet die Partei, gegen die sich der Song richtet. Danger Dan und Igor Levit haben ihre Position erläutert. Das ZDF hat seine Entscheidung erklärt. Journalistenverbände haben Stellung bezogen. Die AfD hingegen hat sich bislang öffentlich nicht geäußert. Dieses Schweigen ist bemerkenswert. Gerade weil sie die eigentliche Zielscheibe des Liedes ist, hätte man erwarten können, dass auch sie ihre Sicht auf den Vorgang darlegt.