Wider die scheinheiligen Pfründewalter der Katalogausbeuter

 

Die Weihnachtsgans wehrt sich gegen den Fuchs. Zur GEMA und dem Suno-Krieg

Von Toster und Claude.ai 


Vor fünfundzwanzig Jahren bin ich aus der GEMA ausgetreten. Der Anlass war lächerlich und typisch zugleich. Ich hatte meine eigenen Songs auf meiner eigenen Website veröffentlicht. Die GEMA wollte dafür Gebühren von mir kassieren. Nicht vom Hörer, nicht vom Sender, von mir selbst. Für die Nutzung meiner eigenen Musik. Ich habe damals begriffen, was diese Organisation wirklich ist. Kein Anwalt der Kreativen, sondern eine Inkassobude mit Kulturanstrich.

Diese Erfahrung ist der Grund, warum ich das aktuelle Interview mit GEMA-Chef Tobias Holzmüller in der FAZ mit einer gewissen Häme lese. Er positioniert sich dort als Beschützer der Musikschaffenden gegen die KI-Bedrohung durch Suno. Klingt gut. Ist aber, wenn man genau hinschaut, ziemlicher Unsinn.

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Der Bad Actor und seine Ankläger


Holzmüller nennt Suno einen „Bad Actor", ein KI-gestütztes Piraterie-Tool. Sieben Millionen Songs täglich, unlizenziert trainiert, verstopfe die Kanäle und verdränge echte Musik. Klingt dramatisch. Ist es teilweise auch. Aber schauen wir uns an, wer hier mit welchem Recht den moralischen Zeigefinger hebt.

Die GEMA vertritt laut eigener Aussage rund 100.000 Mitglieder. Darunter Songtexter, Komponisten, aber eben auch reine Rechteinhaber und ganze Verlage. Das sind keine identischen Interessen. Ein Verlag will seinen Katalog maximal auswerten. Ein Songwriter will Aufträge, Sichtbarkeit, ein Auskommen. Holzmüller spricht wohlfeil für beide zusammen, als gäbe es da keinen Widerspruch.

Ich habe selbst live gespielt, Jahrzehnte lang. Ich war GEMA-Mitglied, bevor ich austrat. Von Liveauftritten habe ich nie einen Pfennig gesehen. Nicht einen. Die Ausschüttung bevorzugt, wer viel im Radio läuft oder wessen Verlag gute Kontakte zum Vorstand pflegt. Wer auf der Bühne schwitzt und Bier verschüttet bekommt, geht meistens leer aus.

Drei Jahrzehnte, dieselbe Choreografie

Wer glaubt, die GEMA würde erst jetzt, im KI-Zeitalter, über ihre Verhältnisse handeln, kennt die Geschichte nicht. Das Muster wiederholt sich seit Jahrzehnten, mit erstaunlicher Zuverlässigkeit.

2012 wollte die GEMA ihre elf verschiedenen Clubtarife auf zwei reduzieren. Klingt nach Vereinfachung. War in Wahrheit eine Kostenexplosion für viele Clubs und Diskotheken, in Einzelfällen um bis zu 1400 Prozent. Über 600 Clubs machten aus Protest fünf Minuten lang die Musik aus. Eine Petition gegen die Reform sammelte über 305.000 Unterschriften. Die Berliner Clubkommission bemängelte zusätzlich, das sogenannte Diskotheken-Monitoring sei undurchsichtig und benachteilige die Szene strukturell, weil ein erheblicher Teil der gespielten Musik gar nicht erst erkannt wurde. Das heißt im Klartext: Man kassierte nach Fläche und Besucherzahl, konnte aber gar nicht zuverlässig sagen, wessen Musik da überhaupt lief. Erst die Aufsichtsbehörde, das Deutsche Patent- und Markenamt, zwang die GEMA zur Korrektur.

2023 und 2024 dasselbe Spiel, neue Bühne: die Weihnachtsmärkte. Seit einem BGH-Urteil von 2011 muss die GEMA die gesamte Marktfläche berechnen, nicht nur den Bereich um die Bühne. Nun warf die GEMA vielen Städten vor, jahrelang zu kleine Flächen gemeldet zu haben, und trieb Nachzahlungen ein. Ein Betreiber in Ellwangen berichtete, der Bereich, in dem tatsächlich Musik gespielt und gehört werde, umfasse höchstens 500 Quadratmeter. Berechnet wurden Gebühren für mehrere tausend Quadratmeter Marktfläche. Manche Schausteller stellten die Musik aus Protest ganz ab. Ein Weihnachtsmarkt ohne Musik ist wie Zuckerwatte ohne Zucker, aber offenbar war das der GEMA egal, solange die Kasse stimmte. Erst unter öffentlichem Druck einigte man sich für die Saison 2025 auf einen um 35 Prozent reduzierten Tarif.

Und dann meine eigene Geschichte, Ende der Neunziger: die Website-Gebühren. Ich weiß nicht, ob es dazu noch Dokumente gibt, aber ich habe es selbst erlebt. Kaum tauchte ein neuer Vertriebskanal auf, tauchte auch schon jemand von der GEMA mit der Hand auf.

Immer dasselbe Muster. Ein neuer Markt, ein neues Medium, eine neue Fläche entsteht. Die GEMA greift zuerst maximal zu, rechnet großzügig zu ihren eigenen Gunsten und wartet ab, ob jemand protestiert. Protestiert genug Leute, rudert man zurück und verkauft das als Entgegenkommen. Protestiert niemand, bleibt die Regel einfach so bestehen. Das ist keine Kulturförderung. Das ist eine Harke, die immer dort steht, wo gerade Früchte vom Baum fallen.

Warum ausgerechnet Suno der Böse ist

Jetzt also KI. Suno wird verklagt, Wettbewerber wie Udio bekommen Lizenzdeals. Der Unterschied liegt nicht in der Ethik. Er liegt darin, wer bereit ist, GEMA und Verlagen einen Anteil abzugeben und den Output in einem sogenannten Walled Garden einzusperren.

Holzmüller sagt es im Interview selbst, offener als ihm vermutlich bewusst ist. KI-Remix-Tools würden vor allem bestehende, längst abbezahlte Kataloge noch einmal lukrativ machen. Für Investoren und etablierte Rechteinhaber ist das großartig. Für neue Songwriter, sagt er wörtlich, sei das keine gute Botschaft. Genau die Gruppe, für die GEMA vorgibt zu kämpfen, profitiert am wenigsten von dem Modell, das GEMA gerade mit Spotify aushandelt.

Und dann der eigentliche Treppenwitz: Die GEMA verklagt Suno für unlizenziertes Training, verkauft aber inzwischen selbst über 10.000 Musikaufnahmen als Trainingsdaten für andere KI-Modelle. Der Unterschied ist nicht das Prinzip. Der Unterschied ist, wer die Rechnung schreibt.

Der Umkehrschluss, den noch niemand zieht

Ich war selbst Musiker, bevor ich Musikredakteur wurde. Fast ein halbes Jahrhundert kenne ich diese Szene, Rock und Pop, von innen. Und ich kann euch sagen: Es gibt kaum ein Werk nach 1980, in dem nicht irgendwo geklaut wurde. Die einen tun es unbewusst, weil sie ihre Einflüsse verinnerlicht haben. Die anderen tun es gezielt, drehen eine Hookline leicht um und machen aus ihr eine Basslinie. Das ist Popmusik. Das war sie immer.

Suno besitzt eine Technologie, die musikalische Muster analysiert, um daraus neue Musik zu generieren. Genau dieselbe Technologie lässt sich umdrehen, um Plagiate in bestehenden Katalogen aufzuspüren. Ich wäre überrascht, wenn das nicht längst irgendwo passiert. Man stelle sich vor, Suno würde Warner, Universal und Sony anbieten, die gesamte Popmusikbibliothek der letzten achtzig Jahre zu durchforsten und nachzuweisen, wo mit Plagiaten Geld verdient wurde, das man hätte erkennen können und müssen. Der moralische Vorsprung, den Holzmüller im Interview für sich beansprucht, wäre in fünf Minuten weg.

Was Suno wirklich kann, und wofür man es lieben sollte

Damit hier niemand denkt, ich sei nur der alte Punk, der auf jede Technologie eindrischt: Suno hat auch echte Vorzüge, die man als Musiker nicht kleinreden sollte.

Erstens, es ist ein hervorragender Ideengeber bei Schreibblockaden. Man wirft ein Fragment, eine Zeile, eine Stimmung hinein, und heraus kommt etwas, das schon fast fertig klingt. Genau das beschreibt Holzmüller selbst als den nachhaltigeren Einsatz von KI in der Musik, als Werkzeug im kreativen Prozess. Recht hat er, nur zieht er die falschen Schlüsse daraus, wenn es um Suno konkret geht.

Zweitens, es demokratisiert den Einstieg wie kaum etwas zuvor. Früher brauchte man eine ordentliche DAW, einen kräftigen Rechner, ein anständiges Audiointerface. Heute reicht ein Browser auf einer zehn Jahre alten Kiste. Für junge Leute ohne Budget ist das die größte Hürde, die seit Jahrzehnten gefallen ist.

Drittens, und das ist bei mir ganz persönlich: Es gibt Lebenssituationen, in denen man einfach keine laute Musik mehr machen kann. Kein Platz für Verstärker, Schlagzeug, kein Nachbar, der das erträgt. Für Leute in genau dieser Lage ist Suno keine Bedrohung, sondern die Rettung. Es ermöglicht kreatives Arbeiten, wo sonst nur Stille bliebe. Ich nutze es selbst, um alte Songtexte von vor vierzig Jahren neu zu vertonen, Texte, die sonst für immer in der Schublade geblieben wären.

Diese Seite fehlt bei Holzmüller komplett. Er sieht nur den Marktschaden, nie den kreativen Gewinn für Leute, die ohne dieses Werkzeug gar nicht mehr schaffen könnten.

Die eigentliche Gefahr, über die niemand redet

Während sich alle auf den Streit zwischen Suno und der Industrie konzentrieren, übersieht die aktuelle IFPI-Vereinbarung zum Kennzeichnen von KI-Musik einen viel größeren Umbruch. Das Papier regelt nur freiwilliges Labeling fertiger Tracks. Kein Wort zu Tantiemen, kein Wort zur Frage, was passiert, wenn Streamingdienste selbst zu Musikproduzenten werden.

Und genau das kommt. Spotify oder Apple Music müssen irgendwann nicht mehr auf fremde KI-Anbieter zurückgreifen. Sie generieren die Stimmungsuntermalung selbst, auf Zuruf. Der Hörer tippt einen Prompt, etwas wie romantischer Soundtrack für einen verregneten Abend, und die Plattform liefert das komplette Album, ohne einen Cent an einen lebendigen Musiker zu zahlen. Für Funktionsmusik, Hintergrundberieselung, Fahrstuhlsound, ist das eine reale Perspektive. Der Hörer braucht dann keinen Künstlernamen mehr, den er sich merken müsste.

Bei Popmusik mit Identität, bei Live-Kultur, bei Konzerten und Fandom wird das nicht funktionieren. Da kauft man Tickets wegen einer Person, nicht wegen einer Stimmung. Aber für den riesigen Markt der Gebrauchsmusik ist diese Entwicklung schon angelegt, und die IFPI-Vereinbarung deckt genau das nicht ab.

Fazit, ohne Sentimentalität

Die GEMA hat gute Argumente gegen Suno. Massenhafte unlizenzierte Trainingsdaten, Betrug durch Bot-Farmen, verstopfte Kanäle, all das ist real und belegt. Aber die GEMA selbst ist keine glaubwürdige Instanz, um diese Kritik vorzutragen. Sie hat jahrzehntelang die Künstler, die sie angeblich schützt, mit derselben Konsequenz zur Kasse gebeten wie jeden Ladenbesitzer und Weihnachtsmarktbetreiber.

Wer Kontrolle über den Output fordert, aber selbst Trainingsdaten verkauft, verteidigt kein Prinzip. Er verteidigt einen Zahlungsstrom. Und wer als Livemusiker nie einen Pfennig gesehen hat, während die GEMA-Einnahmen jedes Jahr steigen, darf sich schon fragen, wen diese Organisation eigentlich schützt. Ganz sicher nicht in erster Linie die Musikerinnen und Musiker.

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