Vom Katzenjammer zum Kindergekreisch

Vom Katzenjammer zum Kindergekreisch: Wie die Wende den Sound vom LSD-Kiez versaute

Wer im Prenzlauer Berg im oberen Stockwerk wohnt, erlebt an Sommertagen ein unangenehmes Phänomen. Es braucht nur ein paar spielende Kinder im Innenhof oder Nachbarn, die sich unten auf dem Rasen unterhalten: Oben am offenen Fenster versteht man jedes dritte Wort. Die Fassaden bilden einen Schalltrichter. Sie schlucken nichts, sie bündeln den Sound und jagen ihn verstärkt nach oben.

Besonders ein Geräusch dominiert diesen neuen Hofblues: das seelenmarternde Kreischen kleiner Mädchen im Wettbewerb um die akustische Lufthoheit. Man ist besorgt um das Kindeswohl, bis man merkt: Das ist kein Alarm, das sind verpeilte Gören ohne Aufsicht.

Vor vierzig Jahren war der Prenzlauer Berg auch laut. Aber der Sound war ein anderer. Hier schrien höchstens die Katzen, wenn sie rollig waren. Und natürlich machten wir Musiker Radau, auch so manches Liebespaar.

Der Kiez als offenes Biotop

Mitte der 1980er Jahre war der sogenannte LSD-Kiez meine Welt. Das Kürzel leitete sich von den drei parallel verlaufenden Straßen ab: Lychener, Schliemann- und Dunckerstraße. Sie laufen auf den Helmholtzplatz zu, wo die Schliemannstraße unterbrochen wird, während die beiden anderen rechts und links vorbeigehen, die Dunckerstraße sogar bis zur Weißenseer Spitze. 
Die maroden Altbauten bildeten mit ihren offenen Kellerfenstern, bröckelnden Schuppen, Ruinen und verwilderten Hinterhöfen ein unreguliertes Ökosystem. Das perfekte Biotop für Streunerkatzen. Sie wurden in den Höfen durchgefüttert und hielten die Ratten in Schach. Gefühlt jede dritte Wohnung roch nach einer Mischung aus Ofenheizung und Katze.

Wir kauften keine Haustiere, sie liefen uns zu. Mein Kater, den ich Pils taufte, saß eines Tages auf dem Fußabtreter eines Bekannten in der Kollwitzstraße. Ich nahm ihn mit in meine Wohnung in der Schliemannstraße 39.
Eine flache Fotoschale aus dem Laborbedarf diente als Katzenklo, gefüllt mit feinen Holzspänen statt West-Granulat. Das Zeug musste man täglich wechseln, sonst stank es penetrant.
Pils starb nicht an Alkoholvergiftung, sondern an Schokolade in Alufolie. Theobromin ist ein Katzen-Killer. Heute hätte ich das gegugelt, damals hatte ich nicht mal ein Telefon für die Tiernotrettung. 

Das geheime Wegenetz über den Dächern

Katzen und Menschen teilten sich die Schleichwege. Der Prenzlauer Berg war horizontal und vertikal durchlässig. Wer die richtigen Hausdurchgänge kannte, konnte von der Schliemannstraße quer durch die Höfe zur Lychener Straße wechseln und sich den Weg um den gesamten Block sparen.

Nach oben hin setzte sich diese Freiheit fort. Die hölzernen Dachluken waren meist nur mit einer einfachen Holzhaube bedeckt oder standen offen. Im Sommer sonnten wir uns auf den Dächern und schliefen nachts bei Hitze in der Hängematte zwischen zwei Schornsteinleitern. Für Abenteurer waren die Dächer ein geheimes Wegenetz. Wenn ich meinen Kumpel in der Lychener 14 besuchen wollte, stieg ich in der Schliemannstraße 39 aus der Dachluke, kletterte über die Höhenunterschiede und Leitern des Blocks und rutschte bei ihm durch die Luke in den Hausflur: „Hallo, lass uns ein Bier trinken."

Die Katzen machten es ähnlich, sie schlichen über die Dächer. Ein
Häuserblock war ein zusammenhängendes Revier ohne Zäune, Mauern und Sicherheitsschlösser.

Der Einzug des harten Geldes

Im Sommer und Herbst 1989, als das Land implodierte und die Leute massenhaft über Ungarn abhauten, herrschte im Kiez eine eigenartige Zwischenzeit-Ruhe. Ich war der letzte Bewohner in einem vermodernden Haus. Die Fenster klapperten im Wind, das Flurlicht war kaputt. Als ich meine Habseligkeiten packte und zu meinem Kumpel in die Lychener zog, schrieb ich an die Wohnungstür: „Bitte Tür nicht eintreten, hier wohnt noch jemand." Es funktionierte.

Mit der D-Mark änderte sich alles über Nacht. Plötzlich gab es in den Wohnungen echte Werte und harte Währung zu holen. Die Kriminalitätsrate schoss nach oben. Wir waren die neue fette Beute am Rand von Osteuropa. Besonders die obersten Etagen wurden zum Ziel. Die Einbrecher nutzten unser altes Wegenetz: Sie stiegen über ungesicherte Nachbardächer ein und hebelten die zweiflügeligen Altbautüren mit dem Kuhfuß auf.

Das große Verrammeln begann. Hundert Mark für Panzerriegel und Zusatzschlösser wurden zur Standardinvestition. Dachluken wurden verschweißt, vergittert oder durch einbruchsichere Fenster ersetzt. Kurz darauf folgte der Goldrausch der Immobilienwirtschaft: der Dachgeschossausbau. Bevor die Häuser von unten saniert wurden, setzten die Geier Dachgeschoss-Buden drauf. Die neuen Eigentümer wollten weder betrunkene Musiker noch streunende Katzen vor ihren Panoramafenstern.

Die Avantgarde der Abschottung

Das Verschwinden der Katzen und der Einzug der Hunde hatte eine weitere, soziale Komponente. Es war keineswegs nur das spätere Bürgertum, das sich die teuren Wohnungen unter den Nagel riss. Die apokalyptischen Vorreiter der Landnahme kamen direkt nach der Wende aus West-Berlin.

Es waren die Altlinken und Autonomen, die im Westen kaum noch Freiräume fanden und den neu gewonnenen Platz im Osten routiniert eroberten. Diese Szene trat intrusiv auf. Sie kannte die rechtlichen und bürokratischen Spielregeln des neuen Systems von Anfang an besser als wir Ostler. Sie besetzten die maroden Häuser und verstanden es schnell, diese Besetzungen zu legalisieren, staatliche ABM-Mittel abzugreifen und Fördergelder für ihre Kiez-Projekte zu organisieren. Während wir die neu gewonnene Reisefreiheit genossen, machten die Genossen aus Kreuzberg ihr Eigentum für die kommenden Jahrzehnte klar, nicht selten gesponsert von ihren Alten in Fackingen-Spackingen und ähnlich benannten Townships in Trizonesien.

Und diese West-Alternativen hatten meistens Köter. Bevor der erste Rassehund des neuen Bürgertums den Gehweg zuschiss, war es der Hund der Hausbesetzer und Autonomen, der das Straßenbild prägte.

Mit der lückenlosen Sanierung und der Parzellierung der Höfe verschwanden die Nischen endgültig. Keller wurden zubetoniert, Schuppen abgerissen, Höfe sterilisiert und Mülltonnen weggeschlossen. Die Lebensgrundlage der Streuner brach zusammen. Sie wurden vertrieben, während erst die Hunde der Autonomen und später die Rassehunde des Bürgertums das Revier besetzten.

Statt wilden Katzen haben wir jetzt Füchse in der Prenzlauer Allee. Und das sommerliche, trichterverstärkte Kindergekreisch im Hof. Wir sind das Epizentrum der Hipsterfertilität.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Impressum/Imprint

FREITAGNACHMITTAG IN BERLIN

Replik KUK die anderen Bands