Der Preis der Preise

Zur Freiheit kommt man in Kummerland nicht mehr über die Hauptstraße. Sie ist nur noch auf verschlungenen Pfaden zu erreichen. Anders als die Radau-Tüte Inge Krawalltschik behauptet, haben wir standhaften Ostler keinen Freiheitsschock, sondern ein Déjà-vu: “Wir kennen die Weise, wir kennen den Text, wir verachten die Herren Verfasser; wir wissen, sie trinken heimlich Wein und predigten öffentlich Wasser” (Heinrich Heine, remixed). Wer aber heute in die Kerbe der herrschenden Klasse schlägt, könnte es dank Internet besser wissen als die Bewohner des Tals der Ahnungslosen.

Literatur-, Film- und Journalistenpreise sind in der Bimbesrepublik Beuteschland seit mindestens 15 Jahren weitgehend Kontraindikatoren. Das Lametta markiert Kompatibilität zum Zeitgeist. Wer es erhält, ist allerdings oft auf das Preisgeld angewiesen; vielleicht kalkuliert er sogar damit. Aber es ist kein Zeichen unternehmerischer Begabung (und künstlerischer Wirksamkeit), im hohen Alter auf Stipendien angewiesen zu sein. Und schon gar kein Merkmal widerständiger Haltung ist es, diese Brosamen des hegemonialen metapolitischen Komplexes aufzulesen. (Ich mag es, wie ChatGPT die Vermeidung gewisser Vokabeln nahelegt, but idgaf.)

In der DDR gingen Systemverweigerer als Telegrammboten oder Heizer malochen, um im Kopf frei zu sein und die Miete zu zahlen. In der BRD hingegen hat das Geld einen anderen Glanz. Und der Zirkus der Aufmerksamkeit ist derart überlaufen, dass manche ihr Rückgrat lieber im Besenschrank parken, um in den Mittelstrahl-Medien gelitten zu sein. Gleich neben den vergilbten Jugendfotos und Punkerklamotten, immerhin noch tauglich als Kostüm für Veteranentreffen – wo die Überlebenden die Freiheitsträume aus einem gestorbenen Land mit bewusstseinsvernebelnden Substanzen vorübergehend wiederbeleben.

Gelbe Worte

Text: Tost | Musik: Schüler, Tost

//____ auf den eisgekühlten parties
selbsternannter prominenz
zelebrieren wir orgien
eingespielter dekadenz
wir schießen mit den korken
auf den unsichtbaren feind
umklammern uns mit feuchten händen
bis die sonne wieder scheint

im schatten kleiner siege
nächtelange diskussion
was du am ende sagen wolltest
wußten wir am anfang schon
am ende steht der morgen
und du gehst allein nach haus
auf der zunge saure sahne
in den hosen kalter schweiß

und auf den straßen geht ein mann
der alles weiß und alles kann
schreibt gelbe worte an die tür
und liegt am abend neben dir

es gibt so manche tage
fraß aus immer gleichem topf
zur geregelten verdauung
schaff dir einen leeren kopf
laß das hirn dir amputier’n
und leg es ein in wodka pur
ballast nur beim balancieren
auf straff gespannter dünner schnur
und auf den straßen geht ein mann … ____\\

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